Harninkontinenz

Das versteckte Leiden von Millionen

Von Lena Winther · 2014

 Statue eines kleinen Kindes beim Urinieren

Viele, die an Harninkontinenz leiden, suchen keinen Arzt auf – zu groß ist das Schamgefühl. Dabei ist der Gang zum Spezialisten auch schon beim gelegentlichen „Malheur“ sehr wichtig. Er stellt fest, um welchen Inkontinenz-Typ es sich handelt und welche Therapie geeignet ist.

Früher war Elke P. eine aktive Frau, die durch nichts zu erschüttern war. Sie unternahm für ihr Leben gern Reisen und ging fast jedes Wochenende auf Radtouren oder Spaziergänge. Doch seit etwa drei Jahren plagt die 78-Jährige ein Problem, das ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigt und sie viel zu oft an die Wohnung fesselt. „Ich hatte schon immer eine schwache Blase“, erinnert sich die Rentnerin. „Aber irgendwann musste ich dann ständig auf die Toilette rennen. Bis ich es nicht mal mehr dorthin schaffte und mich vorzeitig einnässte.“ Der Arzt stellte bei Elke P. eine Dranginkontinenz fest, eine der häufigsten Formen der Harninkontinenz. Bei dem plötzlichen und unkontrollierten Harndrang, wie ihn die Betroffene beschreibt, handelt es sich aber um lediglich eine der zahlreichen Formen des Leidens, das Millionen von Deutschen das Leben schwer macht.

Tabuthema Inkontinenz: gravierende seelische Folgen

Laut der Deutschen Kontinenz Gesellschaft (DKG) sind elf Prozent der Bundesbürger von einer Harn- oder Stuhlinkontinenz betroffen. Als Harninkontinenz wird ein unkontrolliertes Austreten von kleineren oder auch größeren Mengen Urin bezeichnet – und wird nicht als Krankheit klassifiziert, sondern als Symp­tom einer Störung vorhandener Körperfunktionen. Dabei sind deutlich mehr Frauen betroffen als Männer. Der unwillkürliche Abgang von Urin betrifft gar rund die Hälfte aller Frauen über 50. In einer Gesellschaft, in der Werte wie Hygiene, Attraktivität und nicht zuletzt Selbstkontrolle eine große Rolle spielen, betrachten viele Patienten ihre Inkontinenz nicht nur als körperliches Handicap, sondern auch als soziales Stigma, das ihnen die Lebensfreude raubt. Die psychologischen Folgen lassen sich aufgrund der immer noch hohen Dunkelziffer meist nur erahnen. Typische seelische Folgeerscheinungen einer chronischen Inkontinenz sind jedoch beispielsweise eine – oftmals selbst auferlegte – Isolation von anderen Menschen, massive Selbstwertpro­bleme bis hin zu Depressionen oder gar Suizidgedanken. Tatsächlich bestimmt eine Harninkontinenz den Alltag. Umso wichtiger, dass Betroffenen sich die Hilfe suchen, die sie benötigen. Doch nur vier von zehn an Inkontinenz leidenden Menschen gehen tatsächlich zu einem Facharzt.

Spezialisten wissen Rat

Dabei ist der Gang zum Urologen von äußerster Wichtigkeit. Denn auch „die paar Tropfen“ oder „das kleine Malheur“ sind Anzeichen für eine Inkontinenz, die sich, wenn unbehandelt, drastisch verschlimmern kann. An vielen Kliniken gibt es sogenannte Kontinenzzentren, zertifiziert vom DKG, an denen Spezialisten arbeiten. Sie verfügen nicht nur über Erfahrung und Sachverstand, sondern auch über hervorragende Ressourcen durch interdisziplinäres Arbeiten mit anderen Fachabteilungen. Der Arzt wird im Gespräch zunächst eine Anamnese erstellen und versuchen, die Ursachen des „Einnässens“ zu ergründen. Hinzu kommen umfangreiche Untersuchungen des Urins sowie Ultraschall­untersuchungen, gegebenenfalls auch Röntgen, Blasendruckmessung und –spiegelung. Denn obwohl das Leiden eine weitverbreitete Erscheinung ist, ist doch jeder Patient individuell und hat seine eigene, einzigartige Vorgeschichte. Generell gilt: Keine falsche Scham! Denn Harninkontinenz ist in den meisten Fällen sehr gut behandelbar. Dabei kommt es stets auf die Form an.

Wenn die Toilette zu weit weg ist

Die oben erwähnte häufige Form der Dranginkontinenz, bei der ein plötzlicher, starker Harndrang verspürt wird und die Toilette nicht mehr erreicht werden kann, wird meist verursacht durch Kontraktionen der Blasenentleerungs-Muskulatur. Diese können etwa durch chronische Blasenentzündungen entstehen, aber auch durch Übergewicht oder als Folgeerscheinung von Diabetes, Schlaganfall oder auch Multipler Sklerose. Hier hilft oft ein Blasentraining, bei der die Kontrolle neu erlernt und vielfach auch ein neues Trinkverhalten eingeübt wird. Um die Blasenmuskulatur zu besänftigen und den Harndrang zu mindern, werden zudem Anticholinergika-Präparate verabreicht. Helfen auch diese nicht, wird auch eine Operation erwogen.

Das unwillkürliche „Tröpfeln“

Anders gestaltet sich die Belastungsinkontinenz, bei der im Gegensatz zur Dranginkontinenz kein Harndrang besteht, sondern unwillkürlich und unfreiwillig Urin abgelassen wird. Meist geschieht das bei Aktivitäten wie Lachen, Niesen oder dem Heben schwerer Gegenstände. Überall dann, wenn erhöhter Bauchinnendruck erfolgt, kommen die Tröpfchen „mit heraus“. Eine erschlaffte Beckenbodenmuskulatur und die Senkung der Unterleibsorgane, etwa durch mehrere Geburten oder die Wechseljahre, kann bei Frauen die Ursache sein. Bei Männern wird die Belastungsinkontinenz eher durch Unfälle oder ops hervorgerufen, die den äußeren Blasenschließmuskel beschädigt haben. Typische Maßnahme sind Gewichtsreduktion, Beckenbodenmuskeltraining sowie Medikamente und notfalls ein chirurgischer Eingriff.

Wenn die Blase nicht leer wird

Weitere Ausprägungen des Leidens sind die sogenannte Überlaufinkontinenz, die durch Abflussstörungen und eine ständig übervolle Blase entsteht. Dies ist eher bei älteren Männern zu beobachten, die unter einer gutartigen Pros­ta­tavergrößerung leiden. Bei betroffenen Frauen liegt dem Problem meist eine Gebärmuttersenkung zugrunde, aber auch Bandscheibenvorfälle oder Tumoren können es bewirken. In allen Fällen liegt eine Obstruktion der Harnröhre vor, sodass diese verengt ist. Manchmal ist auch eine Blasenmuskelschwäche für das „Tröpfeln“ verantwortlich. Tatsächlich kann diese Form der Inkontinenz sehr gefährlich werden, da ein Rückstau des Urins im Harnleiter zu einer Niereninsuffizienz und einer Harnvergiftung führen kann. Liegt eine Verengung des Blasenausgangs vor, muss das Hindernis aus dem Weg geräumt werden. Egal ob Prostata, Gebärmutter oder ein Tumor – hier ist eine Operation unumgänglich. Liegt eine Blasenmuskelschwäche vor, muss meist ein Katheter gelegt werden. Doch auch Elektrostimulation und Medikamente können den Muskel wieder stärken. Inkontinenz kann in jedem Alter und in den verschiedensten Formen auftreten. Hier gilt wie überall: Früh­erkennung ist wichtig. In jedem Fall ist ein Arztbesuch Pflicht. Damit dem unfreiwilligen Urinieren möglichst schnell ein Ende gesetzt wird – und wieder mehr Lebensfreude einkehren kann.

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